Zweitzeug*in werden – Digitalisierung einer Lebensgeschichte

Start einer digitalen Bewegung gegen Antisemitismus und weiteren Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit                

Es entsteht ein innovatives Angebot für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, das sie digital zu Zweitzeug*innen (von Holcaust-Überlebenden) macht. Sie werden (nachhaltig) stark gemacht – gegen Antisemitismus und Rassismus und für eine offene und akzeptierende Gesellschaft.

Über das Projekt

Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, Zweitzeug*in zu werden. Aktuell ist dies jedoch nur für diejenigen möglich, deren Lehrer*innen oder Betreuer*innen einen Workshop beim Verein buchen. Dies soll das digitale Projekt »Zweitzeug*in werden« ändern: Auf der kostenlosen, frei zugänglichen Webseite www.werde-zweitzeuge.de können junge Menschen ab 12 Jahren (vrsl. ab März 2021) selbstständig multimedial mit Hilfe von digital storytelling die Lebensgeschichte des Holocaust-Überlebenden Rolf Abrahamsohn entdecken.

Rolf Abrahamson
Rolf Abrahamsohn

Hintergrund

Für dieses digitale Projekt, das in Zusammenarbeit mit Dortmunder Partner*innen entsteht, wurde Rolf Abrahamsohns Geschichte digitalisiert: Der Zeitzeuge ist 1925 in Marl geboren. Er wurde 1942 über Dortmund nach Riga deportiert, überlebte sieben Konzentrations- und Arbeitslager und lebt heute mit 95 Jahren noch immer in seinem Elternhaus in Marl. Sein Sohn lebt in Dortmund und Rolf selbst ist Zeit seines Lebens Fan des BVB.

Rolfs Wunsch ist es, dass seine Geschichte und die seiner ermordeten Familie nicht vergessen wird. Jahrelang hat er sie selbst an Kinder und Jugendliche weitergegeben. Dazu sagt er stets:

Wenn du von 50 Kindern nur einen davon überzeugst, dass Juden nicht schlechter sind wie die Christen, dann hast du viel erreicht.

Mittlerweile fehlt Rolf dafür die Kraft. Alpträume und Flashbacks überfallen ihn, wenn er kurz vor einem Vortrag steht. An dieser Stelle übernehmen seit Jahren die Zweitzeug*innen des Vereins stellvertretend für ihn das Erzählen seiner Geschichte.

Vorgehen

Digitale Aufbereitung der Lebensgeschichte von Rolf Abrahamsohn anhand des »Herz-Kopf-Hand-Ansatzes« 

»Herz«: Mitgefühl wecken mittels multimedial aufbereiteter Lebensgeschichten

Die Kinder und Jugendlichen lernen Rolfs Lebensgeschichte kennen: durch kurze Videos seiner Zweitzeugin, durch für die Geschichte erstellte Illustrationen und Texte. Und durch Audio-Aufnahmen aus unseren Gesprächen mit Rolf. So soll eine persönliche Nähe zum Zeitzeugen und seiner Lebensgeschichte ermöglicht werden. Die jungen Menschen werden intuitiv angesprochen und können Rolfs Geschichte nachempfinden und mitfühlen.

»Kopf« Dem bestehenden (Halb-)wissen einen Rahmen geben, tieferes Verständnis fördern und einen Übertrag ins Heute möglich machen 

Zum Verständnis der damaligen Situation lernen die Kinder und Jugendlichen im Verlauf der Lebensgeschichte auch über die Zeit des Nationalsozialismus, die NS-Verfolgung verschiedener Gruppen und den Zweiten Weltkrieg. An ausgewählten Stellen der Geschichte werden Anknüpfungspunkte in Form von  zusätzlichen Informationsebenen und einem Glossar mit weiterführenden Informationen zu Fachbegriffen, wichtigen Daten, Ereignissen, Personen und Orten angeboten. Interaktive Fragestellungen innerhalb der Lebensgeschichte regen Kinder und Jugendliche außerdem zum Nachdenken an und unterstützen die Übertragung der aufgeworfenen Fragen in die eigene Lebenswelt.

»Hand« Durch eigene Aktivitäten die Rolle als Zweitzeug*in selbst gestalten

Die digitale Darstellung der Lebensgeschichte enthält eine klare Aufforderung: »Werde Zweitzeug*in«. Auf der »Hand«-Ebene werden Kinder und Jugendliche schrittweise durch die Lebensgeschichte des Zeitzeugen geführt. Zudem wird erklärt und veranschaulicht, was es bedeutet, Zweitzeug*in zu sein. Die Nutzung der Webseite ist im Gegensatz zu unseren analogen Workshops nicht mehr zeitlich begrenzt und ermöglicht somit eine noch vertiefte Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte. Begleitet vom Verein werden Kinder und Jugendliche dadurch ermutigt, ihre eigene Rolle innerhalb einer integrativen und toleranten Gesellschaft noch aktiver zu gestalten.

Zielgruppe

Das Projekt »Werde Zweitzeug*in« soll insbesondere Kinder und Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr (7. Jahrgangsstufe) aus sozial benachteiligten Stadtteilen erreichen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft und/oder anderen Benachteiligungen von traditionellen Bildungsangeboten unzureichend erreicht werden. Auf diese Weise kann der Verein effektiv Chancengleichheit unterstützen, mehr Kinder und Jugendliche erreichen und Hand in Hand mit der bestehenden Antirassismusarbeit vor Ort gehen. Die Inhalte der digitalen Plattform sind für Kinder und Jugendliche jeden Geschlechts sowie unterschiedlicher Bildungs- und Migrationsbiografie ausgelegt. Während der Laufzeit sollen in einem begleiteten Format mindestens 50 bis 60 Kinder und Jugendliche teilnehmen, mit denen das Vorhaben gemeinsam getestet und evaluiert wird. Basierend auf den Ergebnissen wird die Plattform schließlich skaliert, um deutlich mehr Kinder und Jugendliche zu erreichen.

Wir danken den Dortmunder Partner*innen für die Unterstützung und Möglichmachung dieses Projekts: 
Stadt Dortmund, Dortmund Stiftung, Ingrid und Reinhard Wederhake Stiftungsfond – Zukunft braucht Erinnerung, Signal Iduna

Teamvorstellung

Charlotte besucht für ZWEITZEUGEN e.V. schon seit mehreren Jahren Schulen, um dort Kindern und Jugendlichen die Lebensgeschichten unserer Zeitzeug*innen zu erzählen. Schüler*innen schon ab der vierten Klasse stark gegen Antisemitismus und Rassismus zu machen, ist ihr als Grundschullehrerin eine Herzensangelegenheit. Die Digitalisierung der Lebensgeschichte von Rolf Abrahamsohn ist deshalb für sie ein Traumprojekt, das noch mehr Menschen Zugang zu den wichtigen Lebensgeschichten verschaffen kann. Dafür schreibt sie u.a. Texte, die in Verbindung mit den anderen Elementen durch die digitale Lebensgeschichte führen.

Charlotte

Durch meine langjährige Arbeit für ZWEITZEUGEN e.V. durfte ich schon einige Lebensgeschichten von Zeitzeug*innen des Holocaust kennenlernen. Ich freue mich, durch meine Arbeit als Grafikerin dazu beizutragen, dass die wichtigen Lebensgeschichten leichter zugänglich werden und somit immer mehr Kinder und Jugendliche motiviert werden, sich gegen Rassismus und Antisemitismus stark zu machen.

Lisa

Unsere Illustratorin Eva zeichnet wunderbare Illustrationen zu Rolfs Geschichte. Diese werdet ihr bald online kennenlernen können. Wir haben Eva gefragt, was sie an dieser Arbeit so begeistert: »Während Rolf Abrahmsohn die Kraft aufbringt in Schulklassen zu gehen und dort von seinen traumatischen Erlebnissen im Holocaust zu erzählen, ist meine Aufgabe seine Geschichte zu bebildern der kleinste Beitrag, den ich gegen das Vergessen und für die Stärkung der Demokratie leisten kann.«

Mehr von Eva findet ihr unter http://www.evakuenzel.de/

Eva

Was macht ZWEITZEUGEN e.V.?

Wir von ZWEITZEUGEN e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Workshops und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Antisemitismus zu machen. ZWEITZEUGEN e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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