Wolfgang Lauinger

Wolfgang Lauinger denkt über die Diskriminierungen, die er während seines Lebens, als homosexueller »Halb-Jude«, erfahren hat sehr pragmatisch – »Das war halt so.« Man hatte die Möglichkeit, sich dem zu unterwerfen oder sich zu wehren und er hatte sich für Letzteres entschieden. Mitte der 90er Jahre fing er an gegen den Paragraphen 175 des deutschen Strafgesetzbuches vorzugehen.

Kurzbiografie

Wolfgang Lauingers wurde 1918 in Zürich geboren und ist in Frankfurt aufgewachsen. Dort erlebte er den aufkeimenden Nationalsozialismus bereits als Jugendlicher. Schon früh stellte er sich mutig gegen jegliches Unrecht, das er aufgrund seiner jüdischen Herkunft erleiden musste. So war für ihn vor allem die Schule prägend, die er mehrfach wechselte und schließlich ohne Abitur verließ. 1940 schloss sich Lauinger in Frankfurt einer Gruppe von Swing-Kids an, die rasch die Aufmerksamkeit der Gestapo auf sich zog. Neben dem Vorwurf, gegen den Staat zu argumentieren und feindliche Sender zu hören, stand auch seine Homosexualität im Zentrum der Ermittlungen. Nach mehreren Monaten im Gefängnis tauchte Lauinger unter und kam über den Lebensgefährten seiner Mutter schließlich zu einer Anstellung in einer Zwangsfabrik in Pforzheim. Nach Kriegsende – die Zukunft schien nun endlich offen – wurde er auf der Grundlage alter Gestapo-Akten erneut wegen seiner Homosexualität verfolgt und 1950 verhaftet. Es war eine späte Demütigung für Wolfgang Lauinger, der sich bis zu seinem Tod im Dezember 2017 unermüdlich für die Rehabilitierung von Homosexuellen einsetzte, ohne selbst jemals entschädigt worden zu sein. Dennoch: Seine Lebensfreude hat sich der Aktivist niemals nehmen lassen!

»Ich will Dir genau sagen, was mir geholfen hat: Der Mensch hat geholfen.«

Ein Bild zum Weiterleben

Auf die Frage, was Wolfgang Lauinger nach dem Krieg geholfen hat weiterzumachen, antwortete er direkt: »Der Mensch hat geholfen.« Dabei bezieht er sich besonders auf seine Freunde. Denn der Freundeskreis bliebe einem länger erhalten als die Familie, so seine Erfahrung. Wenn die Eltern einmal sterben, brauche man wieder Leute um sich, bei denen man so sein kann, wie man ist. Mit Menschen zusammen zu sein, mit denen man gut auskommt, sich aussprechen kann und gedanklich einigermaßen auf einer Linie liegt, ist für Herrn Lauinger das Wichtigste. Aufgrund seiner Religion und Sexualität hat er häufig Ausgrenzung erfahren. Daher hat er nach dem Krieg, 1964, mit seinen Freunden die Jugendorganisation »freies Bildungswerk« gegründet. Dort hat er sich einen Ort geschaffen, an dem er sich ausleben konnte, ohne eingegrenzt zu werden. Für 25 Jahre war Herr Lauinger dort Direktor, aber auch bis zu seinem Tod hat er die Organisation immer wieder besucht.

Sein Kommentarbild fasst dieses von ihm formulierte Fazit zusammen: Es zeigt seinen Freundeskreis, der für ihn Sicherheit, Freiheit und Rückhalt war.

Wolfgangs Geschichte in unserem Podcast »Geschichten, die bleiben«

Hörtipp: Folge #3 Steven & Wolfgang: Eine Geschichte der Homosexuellenverfolgung. Tauche ein in Wolfgangs Leben und lass Dir von Steven seine Lebensgeschichte erzählen.

Unsere Begegnung

Mit einer Gruppe von insgesamt vier ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen machten wir uns am 05. Dezember 2016 auf dem Weg in die Budge-Stiftung nach Frankfurt am Main, wo Herr Lauinger seit 2013 lebte. An der Tür begrüßte uns ein 99-jähriger, freundlicher und lässig gekleideter alter Herr, der uns sofort in seine Wohnung einlud. Man spürte direkt, dass es seine vertraute Umgebung ist, in der er sich wohl fühlt. Ohne Umschweife ging es auch schon direkt los, indem Herr Lauinger uns Geschichten erzählte und Fragen zum Verein stellte. So wirkte es zu Beginn so, dass nicht wir ihn interviewten, sondern andersherum. Seine Offenheit und seine entspannte Art sorgten dafür, dass es wie ein Small Talk wirkte und nicht wie ein Interview. Im Laufe des Gespräches war ich immer wieder davon beeindruckt, wie geistig fit er noch ist.

Wolfgang Lauinger denkt über die Diskriminierungen, die er während seines Lebens, als homosexueller »Halb-Jude«, erfahren hat sehr pragmatisch – »Das war halt so.« Man hatte die Möglichkeit, sich dem zu unterwerfen oder sich zu wehren und er hatte sich für Letzteres entschieden. Mitte der 90er Jahre fing er an gegen den Paragraphen 175 des deutschen Strafgesetzbuches vorzugehen. Dieser besagt, dass homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt werden. Wolfgang Lauinger forderte, dass alle Verurteilten und Angeklagten frei gesprochen werden. Auch er selbst kam aufgrund dieses Paragraphen in den 50er Jahren mehrere Monate in Einzelhaft, jedoch ohne Anklage und nur auf Grundlage von Akten aus der NS-Zeit.

Diese besondere Begegnung mit Wolfgang Lauinger werde ich nicht mehr vergessen. Beeindruckt von seiner pragmatischen und offenen Art, denke ich auch noch heute sehr gerne an unsere Begegnung mit diesem beeindruckenden und starken Menschen zurück. Er hat sich nicht unterkriegen lassen und hat immer für seine Rechte gekämpft.

Autor: Zweitzeuge Steven Hensel