Herta Goldman

Mit dem Bus fuhren wir durch die schillernde Großstadt Tel Aviv nach Holon, wo Herta gemeinsam mit einer Pflegerin in einer schönen, großzügig geschnittenen Wohnung lebt. Beim Öffnen der Wohnungstür stand eine kleine Dame mit wachen und lachenden Augen vor uns, die uns herzlich begrüßte.

Kurzbiografie

Herta Goldman, geb. Thieberger, wurde am 9. Juni 1928 in Zablatsch in Polen (heute: Zabłocie) geboren. Dort lebte sie zusammen mit ihren Großeltern, Eltern und zwei Brüdern. Ihre Eltern führten ein Geschäft, in dem Herta aushalf, Lebensmittel und Kleinwaren verkaufte. 1939 wurde das Geschäft von den Nationalsozialist*innen beschlagnahmt und die Familie enteignet. Herta durfte nicht weiter in die Schule gehen. Ihr Vater und ihre beiden Brüder wurden inhaftiert und deportiert. Ihre Großmutter und Mutter wurden 1941 nach Auschwitz deportiert, Herta ins Arbeitslager Bolkenhain. Bis Ende Januar 1945 musste Herta Zwangsarbeit leisten in den Lagern Merzdorf, Schönberg und Grünberg. Auf einem Todesmarsch wagte Herta am 4. Februar 1945 einen Fluchtversuch mit 35 weiteren Frauen, von denen fünf auf der Flucht erschossen wurden. Sie konnte sich retten und bis Kriegsende vor den Nationalsozialist*innen als Volksdeutsche getarnt verstecken. Nach dem Krieg fand sie heraus, dass außer ihr nur ihr Vater überlebt hatte. Die beiden sahen sich nur für eine kurze Zeit wieder, bevor Herta dann nach Israel auswanderte, was ihrem Vater wegen seiner schwindenden Gesundheit verwehrt wurde – stattdessen emigrierte er in die USA. Heute lebt Herta Goldman in Holon, in der Nähe von Tel Aviv. Ihren späteren Mann lernte sie bereits in Polen kurz kennen, sie schrieben Briefe und trafen sich in Israel wieder. Auch er war ein Überlebender der Konzentrationslager. Mit ihm war sie 64 Jahre lang verheiratet, hat zwei Kinder, vier Enkel und fünf Urenkel.

»Es ist nicht leicht zu leben nach dem Holocaust. Es ist ganz schwer zu leben. [...] Wenn ich bin schon im Bett, frage ich noch immer, warum [...]. Und niemand antwortet.«

Hertas Geschichte in unserem Podcast »Geschichten, die bleiben«

Hörtipp: Folge #2 Janika & Herta: Die Geschichte einer mutigen Flucht. Tauche ein in Hertas Leben und lass Dir von Janika ihre Lebensgeschichte erzählen.

Ein Bild zum Weiterleben

Die Wände in Hertas Wohnung sind voller bunter Urkunden. Die gerahmten Würdigungen stammen von Gruppen, die Herta trafen und ihre Geschichte hörten. Es fällt Herta nicht leicht, über ihre Lebensgeschichte zu sprechen, aber sie macht es immer wieder, damit Menschen verstehen, was damals passiert ist. Sie ist sehr glücklich und stolz über diese schriftlichen Wertschätzungen ihrer Arbeit. Am Ende unserer Begegnung versprachen wir Herta, ihr auch eine Urkunde per Post zu schicken, die besagt, dass sie mit uns gesprochen hat. Diesen Wunsch erfüllten wir ihr natürlich.

Unsere Begegnung

Bei unserem Besuch im November 2019 in Israel haben sowohl Wiebke, Janika und ich (von ZWEITZEUGEN e.V.) als auch Stela und Merle (von der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V.) Herta Goldman treffen und kennenlernen dürfen. Das Interview wurde uns durch Georg Liebich-Eisele ermöglicht, mit dem wir schon seit Jahren aufgrund seiner Israel-Reisen in Kontakt stehen.

Herta Goldman begann schon vor der Klärung der organisatorischen Fragen aus ihrem Leben zu erzählen. Herta schilderte ihre sorglose Kindheit in der kleinen Stadt Zablatsch bei Schwarzwasser, wo ihre Eltern einen Laden betrieben, der ihnen nach der Besetzung genommen wurde.
Die folgenden traumatischen Ereignisse – Aufenthalte in verschiedenen Lagern, die Zwangsarbeit, die Ermordung ihrer Mutter, Großmutter und ihrer Brüder bis zum Todesmarsch – erzählte sie sehr emotional und tränenreich. Im Winter 1945 konnte sie dem Todesmarsch in dem kleinen Ort Gassen, heute Polen, entfliehen und so überleben. Eine schier unglaubliche Geschichte war es, dass die Lagerleiterin in Bolkenhain dafür sorgte, dass Herta mit einer Verletzung von einem Arzt außerhalb des Lagers behandelt wurde und so nicht an einer Blutvergiftung sterben musste.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns die wunderschön ins Ohr gehende jiddische Intonierung, in der Herta als in Schlesien geborene Jüdin sprach. Wir saßen mit frischer Mango, Kaffee und Kuchen zusammen und durften eine sehr vitale, lebensfrohe 91-jährige Dame erleben, die uns lächelnd erklärte, dass sie selbstverständlich bei Facebook sei: »Alt wie eine Kuh, aber lernt immer noch.« Beeindruckt hat uns auch, dass Herta erst vor kurzem ihren Highschool-Abschluss nachgeholt hat und jeden Tag Online-Vorlesungen israelischer Universitäten ansieht. Landwirtschaft und technische Innovationen in Israel interessieren sie besonders. Herta ist stolze Israelin und es ist ihr wichtig, dass sie Soldatin war. Sie zeigte uns die vielen Urkunden, die sie für das Erzählen ihrer Geschichte bekommen hat. Wir werden ihre bewegende Geschichte weitertragen.

Autor: Zweitzeuge Björn Helpap

Herta Goldmans Geschichte für Zuhause

Das ganze Interview und alles zum Leben von Herta Goldman wird bald als Interview-Magazin veröffentlicht. Aktuell arbeiten wir noch daran. Wir freuen uns sehr, wenn Du uns mit einer Spende unterstützt, damit wir das Magazin bald drucken können:

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