Siegmund Pluznik

Siegmund Pluznik kämpfte sein Leben lang gegen das Vergessen. Er wollte die Geschichte in den Köpfen lebendig halten und vor allem von den Erlebnissen seiner Widerstandsgruppe erzählen. In ihrem schwersten Moment hatte die Gruppe es sich versprochen: „Wer überlebt, der sollte erzählen.“ Mit diesem Auftrag erlebten wir Herrn Pluznik in jeder Begegnung.

Kurzbiografie

Siegmund Pluznik haben wir als hochgebildeten, begeisterungsfähigen, hilfsbereiten und sehr herzlichen Mann erlebt. Unglaublich wenn man bedenkt, was der beim Interview 90- jährige erlebt hat. 1924 in Będzin (Polen), unweit der deutschen Grenze, geboren, erlebte er schon früh die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht. Menschen aus einer gebildeten Kulturnation, so dachte er, marschierten ein. Doch es dauerte nicht lange und diese Menschen steckten die städtische Synagoge in Brand – in ihr eingeschlossen, hunderte jüdischer Menschen.

Siegmund Pluznik musste viele der Gräueltaten der Nazis miterleben. Als ihm der Besuch der Schule als Jude untersagt war, bekam er heimlichen Unterricht: im Nachhinein betrachtet, ein erster Schritt zum Widerstand. 1941 tauchte er schließlich mit einer Gruppe Jugendlicher in den Untergrund ab. Sie begaben sich auf die Flucht mit gefälschten Papieren und mit der Angst als ständiger Begleiter. Doch gemeinsam schworen sie sich, zu überleben, um zu erzählen. Nach dem Krieg sammelte er akribisch Fakten und Dokumente zu der Zeit und errichtete eigene Ausstellungen. Ausstellungen, die sein Leben, seine Familie und Freunde in Erinnerung halten und dem jüdischen Widerstand Namen und Gesichter geben.

»Um jemanden in Not zu helfen, muss man keine Titel, keine Diplome haben. Man muss nur das Herz an der richtigen Stelle haben. Man kann jemandem helfen mit einer Kleinigkeit, mit einer Geste kann man schon helfen.«

Siegmunds Geschichte in unserem Podcast »Geschichten, die bleiben«

Hörtipp: Folge #1 Sarah & Siegmund: Eine Geschichte über Widerstand. Tauche ein in Siegmunds Leben und lass Dir von Sarah seine Lebensgeschichte erzählen.

Ein Bild zum Weiterleben

»Wir haben uns das Versprechen gegeben, zu überleben, um erzählen zu können.«

Während der Zeit des Krieges bedeutete die Jugendorganisation Ha’noar Hazioni für Siegmund Pluznik Mut, Unterstützung und vor allem den Anstoß, sich zu wehren. Aus ihr entstand die Gruppe mit der er untertauchte und flüchtete. In einem Keller in Todesangst versprachen sich die Jugendlichen, dass sie um jeden Preis überleben würden, um gegen das Vergessen zu erzählen. Dieses Versprechen hat Siegmund Pluznik nach Kriegsende immer wieder angetrieben. Er hat Ausstellungen gemacht, Dokumente gesammelt, Gesichtern ihre Namen zurückgegeben. 2015, als er uns bei einem Besuch noch einmal von diesem Versprechen erzählte, war er den Tränen nahe. Aus dieser Situation heraus haben wir uns für ein Kommentarbild entschieden, das dieses Versprechen weiterträgt.

Unsere Begegnung

Siegmund Pluznik war ein kluger Mann, immer ein Ziel vor Augen, gradlinig und unheimlich hilfsbereit. Er begegnete uns nicht nur mit Offenheit, sondern besonders mit Hilfsbereitschaft. Nach einigen Telefonaten stand er beim ersten Treffen mit gradem Rücken vor uns und wirkte jung und würdevoll. Er öffnete uns in den Gesprächen nicht nur seine Wohnungstür, sondern auch sein Herz und so lachten und weinten wir mit ihm gemeinsam. Erstaunt waren wir vor allem darüber, dass er in einer Einrichtung für Senioren lebte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Juden*Jüdinnen und Christ*innen aufzunehmen. So suchte er aktiv die Begegnung, was auch wir spürten, wenn er uns anrief und versuchte ZWEITZEUGEN zu fördern und wieder neue Überlebende gefunden hat, die mit uns sprechen wollten. Jedes Mal berührten seine überschwänglich liebevollen Worte unser Herz.

Dass er ein Mann voller Überraschungen war, zeigte sich auch, als wir seine Wohnung betraten: Wir sahen eine durch und durch moderne Wohnung, in Weiß gehalten und so gar nicht, wie die eines über 90-jährigen Mannes. Doch die geraden Linien passten zu ihm. Eine weitere Überraschung war für uns seine eigene Ausstellung, die er uns ausführlich erklärte: Vor vielen Jahren hatte Herr Pluznik angefangen, die Geschichte seiner Heimatstadt und seiner Widerstandsgruppe aufzuarbeiten und erstellte anhand von authentischen Dokumenten und Fotos ein beeindruckendes Zeitzeugnis. Umso größer die Ehre, dass er uns diese Ausstellung vermacht hat. Sein Engagement zeigte sich auch darin, dass er daran beteiligt war, Menschen auf erhaltenen Fotos aus Auschwitz zu identifizieren. Eine schwere, aber so wichtige Aufgabe. Wir merkten ihm an, wie viel er über Geschichte und Politik wusste, wie reflektiert er mit sich und den Menschen in seiner Umwelt umging und wie wichtig es ihm war, zu erzählen. Diese Erzählungen schilderten für uns unglaubliche Erlebnisse und wir sind stolz und glücklich, dass er mit uns seine Erinnerungen teilte und er unser Freund wurde. 

Wir wünschen uns, im Alter ebenso klug, jung geblieben und interessiert an allem zu sein wie Siegmund Pluznik und danken ihm für alles.

Kennenlernen, Erinnern, Weitergeben

Siegmund Pluzniks Geschichte für Zuhause

Das ganze Interview und alles zum Leben von Siegmund Pluznik findest Du im Interview-Magazin. Wir durften die Zeitzeug*innen in ihrem Zuhause besuchen und zu ihrer persönlichen (Über)Lebensgeschichte befragen. Wir übernehmen damit einen Teil der Verantwortung, die Erlebnisse der Zeitzeug*innen »Gegen das Vergessen« zu bewahren. Das gesamte Interview und alles rund um die Geschichten fassen wir unseren Magazinen zu jeder einzelnen Geschichte zusammen. 

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