Heinz Hesdörffer

Kurzbiografie

Am 30.01.1923 freute sich das Ehepaar Hesdörffer über seinen ersten Sohn, Heinz. Seine Eltern führten eine Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik in Bad Kreuznach, doch das Leben der Familie änderte sich an Heinz’ 10. Geburtstag schlagartig: Adolf Hitler übernahm die Macht und Heinz verlor in den Folgejahren seine gesamte Familie. Sein Vater starb 1934 an den Folgen einer Operation, seine Mutter und sein Bruder starben in Konzentrationslagern. Danach war er auf sich allein gestellt. Er überlebte vier Konzentrationslager und einen Todesmarsch in Richtung Theresienstadt. Er und die anderen Häftlinge wurden von Sachsenhausen zum Belower Wald getrieben, wo sie ohne Unterkunft und Versorgung lagern mussten, bis sie endlich durch die Rote Armee befreit wurden.

Im Winter 1945/46 begann Heinz als einer der ersten Überlebenden, seine Erlebnisse niederzuschreiben. Doch seine Aufzeichnungen wurden nicht veröffentlicht, weil sie, wie er sagte, niemanden interessierten; er nahm sie mit nach Südafrika, wo er seine Frau kennenlernte und eine Familie gründete. Mehr als fünfzig Jahre später wurden seine Aufzeichnungen von einem Schweizer Verlag veröffentlicht. Er kehrte schließlich in sein Geburtsland Deutschland zurück, obwohl ihm hier unbeschreibliches Leid zugefügt wurde.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2019 lebte Heinz Hesdörffer in Frankfurt am Main und engagierte sich sehr gegen das Vergessen.

Heinz Hesdörffer starb im Mai 2019 mit 96 Jahren. Lies hier seinen Nachruf.

»Ich will nicht in der Vergangenheit leben. Ich will in der Zukunft leben. Sonst kann ich nicht mehr lachen und nicht mehr leben.«

Heinz Hesdörffer

Ein Bild zum Weiterleben

Kurz nach Ende des Krieges, im Winter 1945/46, hat Heinz Hesdörffer seine Erinnerungen niedergeschrieben. In dem 50 Jahre später veröffentlichten Buch schilderte er eindrücklich seine Geschichte. Das Schreiben bezeichnete Heinz Hesdörffer in unseren Gesprächen als seine Therapie, denn es hat ihm geholfen, die Ereignisse dieser ›12 Jahre Naziterror‹ – wie die englische Übersetzung des Buches betitelt ist – zu verarbeiten. Danach hatte er keine Alpträume mehr. Indem er sich das Erlebte von der Seele schrieb, konnte Heinz Hesdörffer die Vergangenheit hinter sich lassen und »in der Zukunft leben«.

Unsere Begegnung

Ich erinnere mich vor allem daran, wie ehrfürchtig ich bei der ersten Begegnung mit Heinz Hesdörffer war. Er lebte, wie auch mehrere andere Überlebende und Zeitzeug*innen des Holocaust, die wir getroffen haben, in der Budge-Stiftung in Frankfurt am Main. Dies ist ein Ort der Begegnung von jüdischen und nichtjüdischen Menschen. Dass Heinz Hesdörffer hier lebte, war sicherlich kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung dieses Mannes, der 55 Jahre seines Lebens in Südafrika verbrachte und mit der älteren Generation in Deutschland nichts mehr zu tun haben wollte.  Selbst in der Budge-Stiftung  fiel ihm der Kontakt zur eigenen Generation nicht leicht. Er blieb lieber für sich, wirkte auf andere zum Teil verschlossen oder gar hart. Umso eindrücklicher war es für uns, in unseren Gesprächen auch eine andere, sehr sensible Seite an ihm kennenlernen zu dürfen.

Ganz bewusst kamen wir unvoreingenommen zu unserem ersten Interview mit Heinz Hesdörffer – wohlwissend, dass er seine Geschichte bereits publiziert hatte. Wir merkten schnell, dass es für ihn gar leicht war, sich uns gegenüber zu öffnen und seine schmerzvolle Geschichte wieder zu erzählen.  Wir baten um ein zweites Gespräch und leiteten dieses anders ein: Wir erklärten genauer, warum wir – trotz Kenntnis seines Buches – Teile seiner Geschichte neu erfragen wollten. Wir berichteten von unserer Bildungsarbeit, von unserer Vision und der Mission für unseren Verein. Heinz Hesdörffer verstand das. Gerade der Dialog mit Kindern und Jugendlichen lag ihm ganz besonders am Herzen. Und so ließ er sich darauf ein, erneut seine (Über)Lebensgeschichte zu erzählen.
Ich bin bis heute unglaublich dankbar für die Begegnung mit Heinz Hesdörffer. Er war ein sehr besonderer Mensch: Klug, klar, ein Kämpfer. Wie überlebt man die unvorstellbaren Grauen des Nationalsozialismus? Das Leid von fünf Konzentrationslagern? Heinz Hesdörffer gab nicht auf, nicht für sich und auch nicht für andere. Selbst als Gefangener im niederländischen Durchgangslager Westerbork setzte er sich beispielsweise für seinen Bruder Ernst ein. Heinz Hesdörffer kämpfte sich bis zu seinem Tod am 3. Mai 2019 durch sein Leben, niemals wollen wir ihn vergessen.

Ruth-Anne Damm
Interviewerin von Heinz Hesdörffer

Kennenlernen, Erinnern, Weitergeben

Heinz Hesdörffers Geschichte für Zuhause

Das ganze Interview und alles zum Leben von Heinz Hesdörffer wird bald als Interview-Magazin veröffentlicht. Aktuell arbeiten wir noch daran. Wir freuen uns sehr, wenn Du uns mit einer Spende unterstützt, damit wir das Magazin bald drucken können:

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