
ZWEITZEUGEN im Fußball ‒ inklusiv: Teilnehmende werden zu Zweitzeug*innen von Heinrich Czerkus
Vorbereitungsworkshop: Die Geschichte von Rolf Abrahamsohn
Am ersten Workshoptag standen das gegenseitige Kennenlernen sowie die Vorbereitung auf die Spurensuche zu Heinrich Czerkus im Fokus. Die Teilnehmenden wurden ‒ auch angesichts der unterschiedlichen Wissensstände ‒ in die Zeit des Nationalsozialismus eingeführt und setzten sich mit der antisemitischen Gesetzgebung der 1930er und 1940er Jahre auseinander. Im Anschluss stand die Biografie von Rolf Abrahamsohn, Schoah-Überlebender aus Marl, im Mittelpunkt, dessen Zweitzeug*innen die Teilnehmenden wurden. Abschließend setzte sich die Gruppe mit der Frage nach Möglichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus auseinander.
Stadionerlebnis und Spurensuche zu Heinrich Czerkus
Am zweiten Tag traf sich die Gruppe in der Dortmunder Nordstadt, mitten im ehemaligen Hoesch-Viertel auf dem Max-Michallek-Platz. Nachdem sich einige Teilnehmende auf dem dortigen Fußball-Platz warm gekickt hatten, begaben sie sich auf die Spuren von Heinrich Czerkus und der Gründungsgeschichte des BVB. An Heinrich Czerkus’ ehemaligem Wohnhaus in der Schlosserstraße sowie seinen ehemaligen Arbeitsplätzen, den Hoesch-Werken und dem Borussia-Sportplatz (genannt Weiße Wiese), lernte die Gruppe dessen Biografie kennen:
1920 auf der Suche nach Arbeit aus Preußisch-Litauen ins Ruhrgebiet gekommen, fand Heinrich Czerkus eine Position als Schlosser im Eisen- und Stahlwerk von Hoesch und eine Wohnung in der benachbarten Schlosserstraße. Gleichzeitig trat er in die KPD ein und engagierte sich fortan politisch in seinem Viertel. Nachdem er 1925 seine Arbeitsstelle verlor, heuerte er als Platz- und Zeugwart bei Borussia Dortmund an. Bis 1937 war er für den Fußballverein auf der dem Hoesch-Viertel angrenzenden Weißen Wiese tätig. Sein politisches Engagement wurde vom Verein geduldet, auch in der Zeit des Nationalsozialismus, in der es Czerkus gelang ‒ wahrscheinlich durch die Unterstützung von Vereinskolleg*innen ‒ Verhaftungen zu entgehen. 1943 trat er einer Widerstandsgruppe bei, die von den Nationalsozialist*innen unterwandert wurde. Im Frühjahr 1945 verhaftete die Gestapo Heinrich Czerkus und seine Mitstreiter*innen. In der Gestapo-Zentrale in Hörde wurden sie festgehalten und gefoltert. In den letzten Kriegswochen, im März und April 1945, zählte Czerkus zu den etwa 300 Widerstandskämpfer*innen, Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die die Gestapo im Rombergpark und in der Bittermark ermordete.
Höhepunkt der Spurensuche war der Besuch des Mahnmals in der Bittermark. Am dortigen Gedenkort wird an die ermordeten Frauen und Männern erinnert. Anschließend machte sich die Gruppe ins Westfalenstadion auf. Im BVB-Lernzentrum wurde die Geschichte von Heinrich Czerkus gemeinsam aufgearbeitet und das Gelernte und Erlebte der vergangenen zwei Tage reflektiert. Highlight des Tages war dann für viele Teilnehmende die Stadionführung, mit Stationen auf der Südtribüne, der Mannschaftskabine und der Spielerbank neben dem ›heiligen Rasen‹. Abschließend ließ die Gruppe den Tag mit einem gemeinsamen Pizzaessen ausklingen.
Kreativer Abschluss im Fan-Projekt: Vielfältiges Gestalten von Erinnerungskultur
Am dritten Tag kamen die Teilnehmenden im Fan-Projekt zusammen, wo sie im Rahmen eines Graffiti-Workshops mit dem Dortmunder Graffiti-Artist Andrian Schnabel Leinwände und ein Banner gestalteten. Auf vielen der Werke setzten sich die Teilnehmenden mit der Biografie von Heinrich Czerkus auseinander. Parallel wurden Schlüsselanhänger aus Schrumpffolie und Armbänder gebastelt. Einige der Ergebnisse wurden beim 20. Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf gezeigt und verteilt. Jeden Karfreitag erinnern Läufer*innen, Wanderer*innen und Radfahrer*innen an Heinrich Czerkus und die anderen Ermordeten, indem sie gemeinsam die Strecke vom Stadion Rote Erde über den Rombergpark bis zum Mahnmal in der Bittermark zurücklegen.
Danke an die engagierten Teilnehmenden aus Wohngruppen des ev. JHZ Johannes Falk, das Fan-Projekt Dortmund e.V. und Andrian Schnabel für die tolle Zusammenarbeit sowie das BVB-Lernzentrum für die Unterstützung.
Förderpartnerin
Gefördert wurde das Projekt von der Aktion Mensch.