Hannah Pick

Zu Beginn wollte Hannah Pick nicht an unserem Projekt teilnehmen. Sie sagte, sie sei sie doch noch ein Kind gewesen, das Vieles überhaupt nicht mitbekommen habe. Doch sie ließ sich überzeugen, dass auch ihre Lebensgeschichte Teil der Gesellschaft ist, die wir darstellen möchten.

Kurzbiografie

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialist*innen, emigrierte die Familie von Hannah Pick nach Amsterdam. Dort lernte sie Anne Frank kennen und besuchte mit ihr die Schule. Im Juni ’43 wurde »Hanneli«, wie sie von Anne in ihrem Tagebuch genannt wird, zusammen mit ihrem Vater, ihren Großeltern und ihrer jüngeren Schwester Gabi von der Gestapo verhaftet, nach Westerbork und anschließend nach Bergen-Belsen deportiert. Dort traf sie ihre Jugendfreundin im März ’45 kurz vor deren Tod wieder. Hannah wurde zusammen mit anderen Anfang April ’45 in den Verlorenen Zug gepfercht und überlebte nach einer 10-tägigen Irrfahrt mit ihrer Schwester durch Deutschland schließlich den Holocaust. Heute lebt sie als Teil einer großen und liebevollen Familie in Jerusalem, der Heimat ihres Glaubens und ihrer Wahl.

»Es war besser als in den anderen Lagern: Wir wurden nicht tätowiert, wir wurden nicht kahl geschoren, uns wurden nicht die Pakete abgenommen, wir durften unsere eigene Kleidung anziehen und es wurde nicht getötet. Sie sehen, man muss sich schon für komische Sachen bedanken.«

Ein Bild zum Weiterleben

Auf dem Bild ist Hannah Picks Enkelin, Michal Meir. Während wir mit Hannah reden, klingelt es an der Tür. Hannahs Enkelin besucht ihre Oma auf dem Heimweg von der Arbeit. Das macht sie jeden Tag. Es ist schön den beiden in ihrem Gespräch zuzuschauen: das liebevolle Miteinander zwischen Generationen.

Unsere Begegnung

Wir sitzen uns in ihrem Wohnzimmer gegenüber. Hannahs gesamte Wohnung erzählt von einer sehr gebildeten Frau. Das schüchtert im ersten Moment ein. Doch dann
beginnt Hannah zu plaudern, von früher und Deutschland. Man vergisst schnell, dass man in Israel ist. Wir haben die gleiche Heimat und eine ähnliche Kultur. Doch mich irritieren einige ihrer Äußerungen zur politischen und gesellschaftlichen Situation in Israel. Am Morgen des Tages unseres Treffens ist eine jüdische Siedlerfamilie an der Grenze zum palästinensischen Autonomiebereich umgebracht worden. Das versetzt Hannah sichtlich in Angst, aber auch in Wut. Auf ihre Unterscheidung in »die« und »wir« möchte ich intuitiv etwas entgegnen. Doch wie kann oder darf ich als junge deutsche Frau auf Äußerungen einer Überlebenden reagieren, die als Kind verfolgt wurde, Lager überlebte und der bis heute kein friedliches Zuhause vergönnt ist? Ich schweige.
Heute geht es nicht um unsere jeweiligen Meinungen. Heute geht es um ihre Geschichte. Und obwohl Hannah Pick häufig eingeladen wird, über diese Geschichte und über
ihre Freundin Anne Frank zu sprechen, hat sie sich Zeit genommen. Mehr noch, sie war freundlich und offen. Wäre die Zeit gewesen, so hätte sie mich zu einem
Shabbat-Mahl im Kreise ihrer Familie eingeladen. Es ist beeindruckend, mit welcher Offenheit und Wärme sie einer Fremden begegnet ist.

Hannah Picks ganze Geschichte für Zuhause

Das ganze Interview und alles zum Leben von Hannah Pick findest Du im Ausstellungskatalog. Wir durften die Zeitzeug*innen in ihrem Zuhause besuchen und zu ihrer persönlichen (Über)Lebensgeschichte befragen. Wir übernehmen damit einen Teil der Verantwortung, die Erlebnisse der Zeitzeug*innen »Gegen das Vergessen« zu bewahren. Das gesamte Interview und alles rund um die Geschichten fassen wir unseren Magazinen zu jeder einzelnen Geschichte und einem Ausstellungskatalog mit zehn Interviews zusammen. 

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