Leslie Schwartz

Leslie Schwartz habe ich im April 2016 getroffen. Wir standen jedoch schon seit September 2015 in Kontakt. Es hatte sich eine moderne Brieffreundschaft zwischen uns entwickelt. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich eine neue E-Mail von ihm aus den USA bekam, in der er mir schrieb, wie sein vorangegangener Vortrag war oder wie sehr er sich auf seinen nächsten Schulbesuch freue.

Kurzbiografie

Am 12.01.1930 in Ungarn als Laszlo Schwartz geboren, verlor er schon im Alter von acht Jahren seinen Vater. Seine Mutter heiratete zwar wieder, jedoch konnte Leslie den Verlust seines Vaters nie verwinden. Ab 1940 konnte er nicht mehr zur Schule gehen, da jüdische Schule geschlossen worden waren. So war er gezwungen als Jude in eine katholische Schule zu gehen.

Als die Wehrmacht im Jahr 1944 Ungarn besetzte, wurden Leslie, seine Eltern und seine beiden Schwestern in ihrer Heimatstadt Baktalórántháza verhaftet und ins Ghetto Kisvarda gebracht. Nur einen Monat später wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An der Rampe des Konzentrationslagers sah Leslie seine Mutter und seine Schwestern das letzte Mal. Für ihn selber folgten Monate der Zwangsarbeit in Auschwitz-Birkenau, in Dachau, im Außenlager Allach des Lagers Karlsfeld und in Mühldorf an der Inn.

Während seines Aufenthaltes in einem Displaced Persons Lager erhielt er einen Brief von seinem Onkel aus Amerika. Nichts hielt Leslie Schwartz mehr in Deutschland oder Europa, denn seine gesamte Familie war ermordet worden. So wanderte er aus und begann ein neues Leben. Er heiratete, bekam einen Sohn und besaß schließlich eine eigene Druckerei. Nur seine Geschichte wollte keiner hören. Keiner wollte ihm zuhören und sich damit auseinandersetzen. So schwieg Leslie Schwartz sehr lange Zeit. Bis sein Freund Max Mannheimer, den er im Konzentrationslager kennengelernt hatte, ihn immer wieder dazu ermutigte seine Geschichte zu erzählen. Bis zu seinem Tod, am 12. Mai 2020 hielt er Vorträge in Deutschland und den USA, führte Zeitzeugengespräche und besuchte Schulen.

 

»[Das] Wichtigste war, […] ich muss das überleben und meine Geschichte erzählen.«

Ein Bild zum Weiterleben

Ein Tisch voll mit Dokumenten, Büchern, Fotos, Zeitungsartikeln und einem Bundesverdienstkreuz. Was für uns wie ein Chaos aussah, waren für Leslie Schwartz Erinnerungen an sein Leben nach dem Krieg. Er fand seinen Weg zurück ins Leben, indem er seine Lebensgeschichte in Schulen erzählte. Die Rückmeldungen und Liebe, die er von den Schülern zurückbekam, haben ihm dabei geholfen, zu heilen. Als er uns seinen vollen Tisch zeigte, war er sehr stolz und genoss die Aufmerksamkeit.

Unsere Begegnung

Als dann endlich der Tag gekommen war, an dem wir uns in persona kennenlernen sollten, war ich unglaublich gespannt und aufgeregt. Ich wurde ganz und gar nicht enttäuscht: Leslie und seine Frau begrüßten mich, als würden wir uns schon lange kennen. Sie hatten vier andere ehrenamtliche Mitarbeiter*innen von ZWEITZEUGEN e.V. und mich zu sich nach Hause eingeladen. Für mich war es ein bisschen so, als wäre ich zu Kaffee und Kuchen bei meinen Großeltern.

Leslie hat von seinem Aufenthalt in den USA erzählt, Zeitungsausschnitte über ihn gezeigt und Fotos seiner berühmten Verwandtschaft. Besonders stolz schien er auf seine Begegnung mit Angela Merkel zu sein, bei der ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen worden war. Ich habe gemerkt, wie sehr er es genoss, mit Fragen bestürmt zu werden und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Dass er immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist für mich keine Überraschung, denn Leslie hatte uns alle schnell mit seiner charismatischen und charmanten Art um den kleinen Finger gewickelt. Vor Freude strahlend erzählte er mir von den Schüler*innen, die ihn umarmten und Fotos mit ihm machen wollten. Er sagte, die Liebe, die ihm die Schüler*innen entgegenbrächten, sei für ihn das Mittel zur Heilung. Die Heilung von den Grauen der Schoah, die er erlebt hat. Nie werde ich vergessen, wie er mir von dem Moment erzählt hat, als er seine Mutter und seine Schwester das letzte Mal sah: an der Rampe in Auschwitz-Birkenau. Für mich war die Erzählung kaum zu ertragen.

Leslie Schwartz war ein Mensch von unglaublicher Stärke, Mut und Lebenswillen, dass er dies alles ertragen hat und es mit so vielen Menschen immer und immer wieder teilte. Kurze Zeit nach dem Interview habe ich ihn mit Schüler*innen erlebt: Auch sie hatte er sofort in seinen Bann gezogen und beantwortete jede noch so persönliche Frage geduldig.

Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch vielen Schüler*innen von diesem großartigen und mutigen Mann und seiner einzigartigen Überlebensgeschichte erzählen werde!

Autorin: Zweitzeugin Vanessa Eisenhardt

Leslie Schwartz ganze Geschichte für Zuhause

Das ganze Interview und alles zum Leben von Leslie Schwartz findest Du im Interview-Magazin. Wir durften die Zeitzeug*innen in ihrem Zuhause besuchen und zu ihrer persönlichen (Über)Lebensgeschichte befragen. Wir übernehmen damit einen Teil der Verantwortung, die Erlebnisse der Zeitzeug*innen »Gegen das Vergessen« zu bewahren. Das gesamte Interview und alles rund um die Geschichten fassen wir unseren Magazinen zu jeder einzelnen Geschichte zusammen. 

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