Mary O'Sullivan

Selten trifft man Menschen, die ganz offensichtlich bei sich selbst angekommen sind. Ich durfte einem Menschen mit einer solchen Ausstrahlung begegnen: Sister Mary ist 70 Jahre alt, hat graue Haare, braune Augen und einen unglaublich klaren Blick. Ihre weise, in sich ruhende Art hat mich tief berührt. Ganz intuitiv habe ich bei unserem ersten Gespräch verstanden, dass man, erst wenn man ganz bei sich angekommen ist, sich voll und ganz jemand anderem widmen kann, so wie Sister Mary es täglich macht.

 

Kurzbiografie

Sister Mary O'Sullivan wurde 1947 in England geboren. Ihre Heimat ist jedoch Irland, woher ihre Familie stammt und wo sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aufwuchs. Ihre Eltern arbeiteten beide während des Zweiten Weltkrieges in der englischen Industrie. Sister Mary bezeichnet sie als ihre »ersten Lehrer des Friedens«, durch deren Erinnerungen und Auseinandersetzung mit der Geschichte sie zum ersten Mal mit dem Thema des Krieges in Kontakt kam. Im Alter von 18 Jahren entschloss sie sich dem Orden der Schwestern der Barmherzigkeit (Sisters of Mercy) beizutreten und sich speziell der Arbeit mit jungen Menschen zu widmen. Nach einjähriger Arbeit in Israel, wo sie erstmalig Überlebende der Schoah kennengelernt hatte, folgte die Entscheidung für das »Zentrum für Dialog und Gebet Auschwitz« zu arbeiten. Hier widmet sie sich der Planung, Durchführung und Begleitung von Programmen für Besucher aus aller Welt, deren Begegnung mit dem Ort und mit Überlebenden. In ihrer Arbeit schaffen sie und ihre Kollegen einen Raum der Auseinandersetzung, der Erinnerung, der Begegnung und des Dialogs.

»Auschwitz is no more! What we have is the memory and that’s what we honour.«

Unsere Begegnung

Wir haben uns im Zentrum für Dialog und Gebet bei der Gedenkstätte Auschwitz kennengelernt. Dieser Ort ist ihr aktuelles Zuhause und sie lebt dort, um andere Menschen bei der Auseinandersetzung mit sich und dem Ort Auschwitz zu begleiten. Auch uns hat sie an diesem Ort „an die Hand genommen“. Zunächst war es das ungewohnte Gefühl, von jemandem die umfassende Aufmerksamkeit zu bekommen – ohne dass der Blick des Gegenübers zum Handy oder einer anderen Person wandert. Sister Mary lebt im Jetzt, an einem Ort, der Vergangenheit.

Außerdem gab Sister Mary Antworten, die sich selten auf sie selbst bezogen, sondern immer voller Verständnis für ihr Gegenüber waren. Und sie gab Antworten, die leise, unaufgeregt, aber voller Kraft waren. Bei unserer ersten Begegnung waren wir von ihren klugen und inspirierenden Aussagen so überwältigt, dass wir im sofortigen Bewusstsein, dass Sister Mary eine ganz besondere Frau ist, schnell versuchten auf Notizzetteln Zitate mitzuschreiben und uns gleich danach sicher waren, dass wir noch einmal ausführlicher mit ihr sprechen müssen.

Ein weiteres Beispiel für Sister Marys Art ist unser Wiedersehen nach einem Jahr. Ich hatte mich viel zu lange nicht gemeldet und formulierte mein schlechtes Gewissen, dass ich deswegen mit mir herumschleppte, in einer umständlichen Entschuldigung. Sie schaute mich kurz an und sagte ganz einfach mit einem Lächeln: »Manche Aufgaben brauchen ihre Zeit.«

Gleichzeitig sprüht sie an einem Ort des Grauens vor Fröhlichkeit, Lebensfreude und Witz. Sie bringt Leichtigkeit in jede Begegnung, so dass ich sie einfach fragen musste, wie man an diesem Ort leben kann, ohne dass der Schrecken einen überwältigt. Überraschenderweise antwortete sie hierauf, dass sie, sobald dieser Ort sie nicht mehr berühre, sich eine neue Aufgabe suchen würde. Auschwitz sei intensiv, nicht grausam, und es brauche Intensität, um sich entwickeln zu können.

Ich hatte diese Gedanken am nächsten Tag mit in das Außenlager Birkenau genommen. Wir hatten Zeit, noch einmal alleine und in Ruhe diesen Ort zu erkunden, ihn wirken zu lassen. Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch konnte ich dieses Mal aus dem Ort Kraft und Mut schöpfen. Mir ist durch Sister Marys Aussage bewusst geworden, dass dieser Ort Vergangenheit ist und mir und uns allen eine Chance bietet, zu wachsen. Ich habe an ZWEITZEUGEN und all die tollen Menschen gedacht, die hinter dem Projekt stehen und ich habe dort, in einem Gang zwischen Stacheldrahtzäunen, Mut und Zuversicht gefunden.

Autorin: Zweitzeugin Sarah Hüttenberend