
Interviews mit Monica Heller und Andreas Hirsch in Karlsruhe
Während der Gespräche lernten wir die Geschichten von Monica Heller und Andreas Hirsch ebenso kennen wie die ihrer Eltern und vor allem die ihrer Großväter, Gottfried Fuchs und Julius ‚Juller‘ Hirsch. Anfang des 20. Jahrhunderts waren letztere Fußballpioniere und schließlich Fußballstars der deutschen Nationalmannschaft. Sie waren bekannt, wurden gefeiert und als Juden später von den Nationalsozialist*innen verfolgt. Gottfried Fuchs gelang die Flucht nach Kanada, wo seine Enkelin Monica noch heute lebt. Julius Hirsch überlebte die Verfolgung nicht und wurde im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.
Wir freuen uns nun darauf, diese Familiengeschichten für Zweitzeug*innen aufzubereiten und bald weiterzutragen.
Über Monica Heller und Gottfried Fuchs
Monica Heller (*1955) wuchs mit ihrer Familie in Kanada auf, wo sie auch heute lebt. Als Professorin der Linguistik liegt ihr besonderes Interesse auf Sprache. Monica erlebte, dass ihre Eltern und Großeltern nach der Flucht und für ein Weiterleben die deutsche Sprache weitgehend ablehnten. Insbesondere der Verlust der deutschen Muttersprache führte schon früh dazu, dass sie sich mit dem Thema Sprache und ihrem Zusammenhang mit Gesellschaft und Macht auseinandersetzte. Aufgrund ihrer sprachwissenschaftlichen Forschungsarbeiten reist sie regelmäßig nach Deutschland und lernt die Geschichte ihrer Familie aus einem weiteren Blickwinkel kennen.
Als die Nationalsozialist*innen 1933 an die Macht kamen, war ihr Großvater Gottfried Fuchs (*1889 in Karlsruhe) schon lange kein Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mehr, sondern erfolgreicher Geschäftsmann im Holzhandel. Zuvor diente er im Ersten Weltkrieg als Offizier, wurde mehrfach verwundet und für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Monica erinnert Gottfried Fuchs vor allem als einen aufmerksamen Großvater, begeisterten Sportler und als Genießer, der ein Stück dunkler Schokolade und einen guten Cognac zu schätzen wusste. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen entschied er sich, mit seiner Familie die Flucht über Frankreich nach Kanada zu wagen, was ihnen auch gelang. Nach Karlsruhe wollte Gottfried Fuchs nie wieder zurückkehren, denn „sie haben Juller ermordet“, seinen guten Freund Julius Hirsch, mit dem er gemeinsam im Sturm der Nationalmannschaft spielte.
Monica Heller trafen wir gemeinsam mit Julius Hirschs Enkelsohn Andreas Hirsch in Karlsruhe. Vor ein paar Jahren lernten sich die beiden kennen und pflegen nun ihrerseits eine besondere Freundschaft, genau wie ihre Großväter.

Über Andreas Hirsch und Julius Hirsch
Julius Hirsch (*1892), jüdischer Fußballer, hatte ein großes Vorbild: Gottfried Fuchs. Mit ihm bildete er nicht nur beim Karlsruher FV, sondern auch in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gemeinsam den Sturm. Sie wurden enge Freunde. Anders als Gottfried Fuchs überlebte Julius Hirsch die Zeit des Nationalsozialismus jedoch nicht. 1933 wurde er aus dem Sportverein ausgeschlossen und 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Seine Kinder, Heinold und Esther Hirsch, wurden im Januar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie schließlich die Befreiung durch die Rote Armee am 7. Mai 1945 erlebten. Heinold Hirsch baute sich in Karlsruhe wieder ein Leben auf und gründete das Reiseunternehmen Hirsch-Reisen. Dieses wird heute von seinen Söhnen mit großer Leidenschaft weitergeführt.
Der Historiker Werner Skrentny hat die Geschichte von Julius Hirsch detailreich aufgearbeitet. So konnte er auch den Nachkommen viele Einblicke in das Leben von Julius Hirsch geben, die dieser selbst nicht mehr erzählen konnte. Er war es auch, der Andreas Hirsch und Monica Heller zusammengeführt und dadurch den Grundstein für ihre Freundschaft gelegt hat.
Gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund erinnert Andreas Hirsch an seinen Großvater und war bis 2024 Mitglied der Jury zur Verleihung des zu Ehren seines Großvaters ins Leben gerufenen Julius Hirsch Preises, mit dem Engagement für Vielfalt und gegen Diskrimierung ausgezeichnet wird.
Derzeit arbeiten wir beide Interviews auf und informieren, sobald sie für die Öffentlichkeit zugänglich sind.
