Gerhard Baader

Im Unialltag gehen persönliche und besondere Begegnungen häufig zwischen Klausurenstress und Hausarbeitenwahnsinn unter. Bei der Begegnung mit Gerhard Baader wusste ich sofort, dass diese nachhaltig wirken würde. Herr Baader saß jede Woche bereits 30 Minuten vor Kursbeginn im Seminarraum und blickte bedacht auf den sich mit Studierenden füllenden Raum. Auch noch mit 90 Jahren verbrachte der »angeblich emeritierte« Professor, wie er sich während unseres Interviews mehrere Male selbstironisch und mit einem Lächeln bezeichnete, die meiste Zeit an der Universität in der Forschung und der Lehre.

Kurzbiografie

Gerhard Baader wurde 1928 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nicht-jüdischen Vaters in Wien geboren, wo er auch aufwuchs. 1938, mit dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland, lebte auch die Familie Baader in ständiger Angst, da sie zentral von der Verfolgung betroffen war. Zwar hatte Gerhard das Glück, noch bis 1942 eine reguläre Schule besuchen zu können, jedoch musste er dort als „Halbjude“ in der letzten Reihe – auf der ›Judenbank‹ – sitzen und war ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Als sich die politische Lage weiter verschärfte, wurde er von der Schule verwiesen und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er arbeitete zwei Jahre in einer Wiener Firma für sanitäre und elektrische Anlagen und kam 1944 ins Arbeitslager, wo er unter anderem schwere Erdarbeiten durchführen musste. Glücklicherweise überlebte Gerhard Baader den Krieg.

Er holte sein Abitur nach, studierte und lehrte als Medizinhistoriker lange Jahre an der Freien Universität Berlin. Dabei interessierte ihn vor allem die Rolle der Medizin in der NS-Zeit und die NS-Krankenmorde [›Euthanasie‹]. Doch auch im hohen Alter war er immer noch politisch engagiert, reiste viel, besuchte Schulen, Universitäten und nahm an Vorträgen und Tagungen teil.

Am 14. Juni 2020 ist Gerhard Baader in Berlin verstorben.

»Bereit zum Engagement zu sein, bereit zum Einsatz zu sein, einzustehen für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der für uns alle Platz ist.«

Ein Bild zum Weiterleben

Gerhard Baader schloss sich nach dem Krieg einer politischen Jugendgruppe, welche auf dem Bild zu sehen ist, an. Sein politisches Engagement als Sozialdemokrat und sein Sinn für Gerechtigkeit haben ihm geholfen, nach dem Krieg seinen Weg zurück ins Leben zu finden. Besonders geholfen habe ihm dabei der Gruppenzusammenhalt und die sozialen Kontakte, die er im Laufe seines Lebens knüpfte. Gerhard Baader engagierte sich weiterhin, denn Stillstand kam für ihn nicht in Frage. Und so lehrte und forschte er noch mit 90 Jahren an der Universität in Berlin.

Unsere Begegnung

Herr Baader erzählte bereits in der ersten Seminarsitzung, dass er von 1942 bis 1945 aufgrund seiner jüdischen Herkunft Zwangsarbeit leisten musste. Somit war Gerhard Baader sowohl Historiker als auch Zeitzeuge. Diese verschiedenen Ebenen waren es, die sein Leben so beeindruckend machten und mich stets aufmerksam horchen ließen. Seine Erzählungen waren authentisch und spannend.

Als Kind einer jüdischen Mutter und eines nicht-jüdischen Vaters blieb er zwar, anders als viele Bekannte und Familienmitglieder, von den Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschont, nicht aber von der Diskriminierung in der Schule. Die Frage danach, wie er diese schreckliche Zeit voller ständiger Bedrohung und Angst durchstand und vor allem nach dem Krieg ein neues Leben gestalten konnte, beantwortete Herr Baader mit dem Zusammenhalt in der Gruppe und den Begegnungen mit vielen gutmütigen Menschen.

Sowohl während der Zeit in der Zwangsarbeit, in seinem politischen Engagement als überzeugter Sozialdemokrat, als auch in der ihm so wichtigen jüdischen Gemeinde in Berlin, waren es der Gruppenzusammenhalt und die vielen sozialen Kontakte, die ihn sein Leben lang inspirieren und motivieren für eine bessere, offenere und gerechtere Gesellschaft einzustehen und zu kämpfen. Stillstand, so schien es mir, war für Herrn Baader nie eine Option.

Die große Freude am Umgang mit Menschen merkte ich Gerhard Baader sowohl im Universitätsbetrieb als auch während des Interviews an. Mit einem feinen und charmanten Wiener Dialekt und oft nachdenkend mit geschlossenen Augen erinnerte er sich mit uns an viele Begegnungen mit zahlreichen Freund*innen, Arbeitskolleg*innen und Wegbegleiter*innen zum Beispiel bei einer Veranstaltung zu seinen Ehren an seinem 90. Geburtstag. Sein bewegtes Leben voller spannender Erlebnisse spiegelten die prallgefüllten Bücherwände, die vielen Fotografien, die Auszeichnungen und die Kunst in seiner Wohnung wider. In dieser lichtdurchfluteten Wohnung, die eine wunderschöne Aussicht auf den Grunewald bot, fühlte sich Gerhard Baader spürbar wohl. Auch, weil diese Wohnung der gemeinsame Ort mit seiner Frau war.

Unsere Begegnung mit Herrn Baader hat nicht gereicht, um all seine Facetten zu ergründen, aber ein Eindruck bleibt nachhaltig: Seine bedingungslose Nächstenliebe, der Gerechtigkeitssinn und sein starkes Engagement für Menschen vielfältiger Hintergründe bewegten und inspirierten mich sehr.

Autorin: Zweitzeugin Ksenia Eroshina

 

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